Leerzeilen oder Einzug? Buchgestaltung für Selfpublisher (auch E-Book)
Es greift bei den Selfpublishern um sich, und inzwischen sogar bei einigen Verlagsbüchern: Absätze im Buch mit Leerzeilen deutlich zu machen, statt mit Einzug vorn am Zeilenanfang.
Aber wie geht es richtig?
Inhaltsverzeichnis
TLDR
Warum ist das für dich als Autor*in wichtig zu wissen?
Weil die Leerzeilen für jeden Absatz lauthals »Selfpublishing!!!« schreit.
Und weil sie handfeste Nachteile haben:
- sie stören den Lesefluss deiner Lesenden massiv
- sie treiben die Produktionskosten deines Taschenbuchs drastisch in die Höhe
- selbst bei E-Books sieht dein Text damit löchrig wie ein Schweizer Käse aus
Einrückung oder Leerzeile?
Die Einrückung am Absatzbeginn (der sogenannte »positive Einzug«) ist eine jahrhundertealte Tradition im Buchdruck, die sich aus praktischen und ästhetischen Gründen bewährt hat.
Sie ermöglicht dem Auge eine bessere Orientierung im Text, ohne den Lesefluss zu unterbrechen.
- die Einrückung signalisiert einen neuen Absatz
- eine Leerzeile bedeutet: »Achtung, hier kommt jetzt eine neue Szene, aber kein neues Kapitel!« (Man kann den Szenenwechsel auch durch ein Symbol ersetzen.)
Szenenwechsel? Kapitelwechsel?
Du kennst das vermutlich aus den Roman-Schreibkursen: Neue Location? Neue Charaktere? Neues Thema? = > Szenenwechsel.
Wenn sich an Location, Charakteren, etc. NICHTS ändert, aber du aus Spannungsgründen einen Bruch im Text erzeugen möchtest, solltest du ein neues Kapitel starten.
Die Lesegewohnheit seit Jahrhunderten
Das Auge signalisiert dem Gehirn:
Null Einrückung am Anfang der Zeile: »Der Gedankengang geht nahtlos weiter.«
Einrückung: »Hier geht etwas Neues los.«
Leerzeile: »Hier erfolgt KEIN Kapitelwechsel, sondern ein Szenenwechsel.« Beim Sachbuch würde man zusätzlich zur Leerzeile auch eine neue Überschrift H2 oder H3 setzen.
Absätze beim E-Book
Im E-Book sollte man möglichst wenig formatieren, damit die Lesenden das Buch per Einstellung des E-Readers an ihre Vorlieben anpassen können.
Im E-Book gibt es KEINE Einrückungen bei neuen Absätzen. Dennoch werden auch hier Leerzeilen nur für Szenenwechsel verwendet.
Leerzeilen nach Absätzen machen das Lesen anstrengend
Beim Lesen mit Leerzeilen wird man schnell genervt, da dem Gehirn ständig fälschlicherweise ein Szenenwechsel signalisiert wird. Die Augen machen beim Lesen kleine „Vorwärtssprünge“ (Sakkaden), die durch unnötige Leerzeilen gestört werden. Das Resultat: Das Lesen wird anstrengender.
Je häufiger Lesende dein Buch weglegen, weil es zu anstrengend ist, desto höher das Risiko, dass sie es nicht zu Ende lesen und als „kein gutes Buch“ abspeichern.
Das sagt die Typographie zu dem Thema
»Im Gegensatz zur Gliederung mit Leerzeilen unterbrechen Texteinzüge den Sakkadenprozess vom vorhergehenden Zeilenende hin zu einem neuen Zeilenanfang nicht so abrupt, wie dies durch Leerzeilen geschieht.
Der Grund hierfür ist, dass das Auge – das ontogenetisch ein Teil des Gehirns ist – einen stereotypen Zeilenabstand bereits nach einer kurzen Textpassage verinnerlicht hat (…) und auf dem »kürzesten Pfad« zu einem neuen Zeilenanfang (…) springt. (…)
Diese Erkenntnis wird in der Typografie dazu verwendet, Absätze durch Einzüge und eindeutigen Themen- bzw. Szenenwechsel (z.B. Rückblenden) innerhalb eines Kapitels durch Leerzeilen (»große Lesepause«) zu signalisieren.«
(Quelle: Wolfgang Beinert im Typolexikon)
Leerzeilen nach Absätzen sagen »Selfpublishing!«
Bücher ohne Einzüge werden sofort als selbstpubliziert erkannt. Zwar gibt es vereinzelt auch Verlage, die Leerzeilen statt Einzüge verwenden, aber das sind Ausnahmen.
Der Grund: Viele Selfpublisher setzen ihre Bücher selbst oder lassen sie von Nicht-Fachleuten setzen. Das ist legitim, aber man sollte die wichtigsten Typographie-Vorgaben kennen, da diese auf Erkenntnissen zum Lesefluss basieren.
Ein guter Lesefluss ist essenziell für den Erfolg deines Buches: Er hält die Lesenden bis zur letzten Seite bei der Stange und macht sie zu treuen Fans, die das nächste Buch kaufen und begeisterte Rezensionen schreiben.
Leerzeilen erzeugen viel »heiße Luft«
Häufige Kritik in Rezensionen von Selfpublisher-Büchern: „Eine kurze Geschichte wird künstlich aufgebläht.“
Dabei geschieht das oft unabsichtlich durch die Übernahme der Word-Standardformatierung für Büro-Korrespondenz (kein Einzug, Leerzeile nach Absatz).
Aber dieser Eindruck »die will mehr Seiten schinden« ist keine Paranoia, sondern Fakt.
Ich zeige dir hier an einem Roman, was passiert, wenn man die Formatierung in den »Word-Style« ändert.
So sieht ein professioneller Text mit Einrückungen aus
Hier ist der Roman mit vorne 0,7 cm Einzug. (Die Größe des Einzugs ist nicht festgelegt. Er muss zu Zeilenabstand und Schriftgröße passen.)
So sieht der Text mit Leerzeilen aus
So sieht dieselbe Textstelle aus, wenn ich die Einzüge vorne entferne und stattdessen nach jedem Absatz 1 Leerzeilen einfüge. Insgesamt 12 Zeilen mehr auf 2 Seiten.
Der rote Strich beim oberen Text zeigt, wie viel Text durch diese Gestaltung nicht mehr auf die Doppelseite passt.
Noch viel krasser wird es, wenn du das bei einer Szene mit vielen Dialogen machst! Da hätte ich bei diesem Layout dann 20 Zeilen mehr auf 2 Buchseiten.
»Nur mit dem Wechsel
von Einrückung vorn zu Leerzeilen
verlängert sich mein Roman
um 84 Seiten Luft!«
»Luft« in konkreten Zahlen
Die Verwendung von Leerzeilen statt Einzügen fügt (in meinem Layout) durchschnittlich 8 zusätzliche Zeilen pro Seite hinzu. Bei 36 Zeilen pro Buchseite und meinem 380-seitigen Roman entstehen so 84 Seiten ‚Luft‘!
Im E-Book fallen diese „Luftlöcher“ wegen der kleineren Seiten noch stärker auf.
Seitenschinden schreckt Lesende ab
Einige AutorInnen strecken ihre Bücher absichtlich (Leerzeilen, breite Seitenränder, zu großer Zeilenabstand, Leerseiten vor dem nächsten Kapitel), da der Umfang des Taschenbuchs häufig als Referenz fürs E-Book oder Hörbuch benutzt wird. Besser fürs Marketing, wenn man schreiben kann: »Taschenbuch 200 Seiten« statt 140 Seiten …
Aber es hinterlässt bei deinen Leserinnen, wenn sie professionell gesetzte Bücher kennen, einen faden Geschmack und das werden sie auch in Rezis schreiben. Außerdem machst du das Lesen für sie immer anstrengender.
Seitenschinden kostet dich (und deine Leserinnen) bares Geld
Beim aktuell hohen Papierpreis ist jede »leer« gedruckte Seite verschwendetes Geld.
Denn du musst für Eigenexemplare deines Buches die Produktionskosten zahlen, wenn du damit auf Messen gehen möchtest! 84 Seiten können, je nach Format und Umfang, einen heftigen Sprung der Kosten pro Buch bewirken.
Aber im Internet ist das doch auch so!
Web-Texte verwenden größere Abstände zwischen Absätzen statt Einzüge, weil das Lesen am Bildschirm die Augen stärker ermüdet als auf Papier oder E-Ink-Displays. Diese Regeln lassen sich aber nicht auf Bücher übertragen.
Lass dir von Profis helfen – oder guck es dir ab
Neben diesem Stolperstein gibt es noch weitere, die eine professionelle Setzerin beheben würde. Du siehst, wie wichtig professionelles Lektorat und Satz sind – nicht nur für den Text selbst, sondern auch für die gesamte Leseerfahrung.
Wenn du die Kosten für Buchsatz nicht ausgeben möchtest oder kannst, ist mein Tipp: Such dir professionell gestaltete Bücher aus namhaften Verlagen und vergleiche sie. Dir werden schnell ein paar Regeln für Buchsatz auffallen, die man sonst (wie ich) als Verlagslektorin im Volontariat lernt.
Dein Ziel ist, dass deine Leser und Leserinnen begeistert bis zum Ende deines Buches lesen, denn: Das Ende verkauft das nächste Buch.
Wenn sie dein Buch wegen des Buchsatzes immer wieder ermattet beiseite legen, bewirkst du das Gegenteil.

