Was ist Journaling im Beruf? (Und warum es nicht um Produktivität geht)
Was sich viele unter Journaling vorstellen: „Liebes Tagebuch: ‚Heute war ein anstrengender Tag mit dem aktuellen Projekt.“
Die Kehrseite der Medaille: Leute kennen Journaling nur als Performance-Tool aus den USA: Erfolgs-Tracking, Schwächen aufspüren, im Fokus immer die Optimierung.
Inhaltsverzeichnis
TLDR
TL;DR: Journaling kennen die meisten entweder als ‚Liebes Tagebuch…‘ oder als Performance-Tool aus den USA: Erfolgs-Tracking, Schwächen aufspüren, Optimierung. Beides greift zu kurz.
Tatsächlich ist Journaling die Möglichkeit, Druck abzulassen, den Kopf freizuspülen und dein Gedankenchaos zu ordnen. Die Aha-Momente kommen von selbst, sofern du dir erlaubst, beim Journaling wirklich offen und spontan zu schreiben.
Journaling for Business
In Deutschland ist Journaling bisher meist nur im privaten Bereich angekommen und wird nur als Bullet Journal in der beruflichen Planung genutzt.
In den USA ist Journaling für den Beruf schon lange ein großes Thema. Seit Ende 2024 schwappen erste Artikel und Social Media Posts aus den USA nach Europa hinüber. Ich hatte mich erst gefreut. Aber hier wird Journaling für den Beruf reduziert auf ein Performance-Tool: Ziele tracken, Erfolge dokumentieren, Gewohnheiten überwachen.
Typische Fragen:
- „Was habe ich diese Woche erreicht?‘,
- ‚Was muss ich optimieren?‘
Ja, das kann Journaling sein. Aber dieser Ansatz greift zu kurz.
Was berufliches Journaling wirklich ist
Berufliches Journaling ist Denken auf Papier/Bildschirm: manchmal für die Psychohygiene, manchmal für konkrete Arbeitsfragen:
- Entscheidungen durchdenken
- aus Situationen lernen
- Klarheit gewinnen, wenn’s kompliziert wird
- Muster im eigenen Verhalten erkennen
Der Fokus ist nicht »Was kann ich optimieren?«, sondern »Was geht mir gerade durch den Kopf?« Das könnte sein: »Was beschäftigt mich/stört mich?«. Genausogut aber auch: »Was finde ich gerade so richtig super?«
Mach dir die Prompts zu eigen: in deinen Worten
Schreib dir deine eigenen Prompts / Arbeitsaufträge! Verwende das Wording, das DICH persönlich anspricht.
Vielleicht heißt es bei dir:
- »Das war diese Woche so richtig geil: …«
- »Ich könnte kotzen, wenn schon wieder …«
- »This lights me up right now: …«
- »This is pure fire: …«
Wie berufliches Journaling dir Klarheit gibt
Ein Beispiel aus der Praxis:
- Dein vages Gefühl ist: „Ich bin irgendwie richtig genervt von diesem Projekt, weiß aber nicht warum“
- → 15–20 Minuten schreibst du ganz unzensiert, was alles nervt, was für Gedanken dir spontan durch den Kopf schießen.
- → Beim Schreiben merkst du: Es liegt nicht am Projekt selbst, sondern daran, dass die Kundin ständig ihre Meinung ändert und du dich nicht gehört und respektiert fühlst.
- → Du überraschst dich selbst, als du wutentbrannt schreibst: „Ich brauche klare Absprachen und die Erlaubnis, zur Not STOPP zu sagen und die Reißleine zu ziehen!! (muss das in meine AGBs?)«
Wenn dieser Gedanke starke Reaktionen in dir auslöst, wäre das ein guter Ansatz für die nächste Journaling-Session am nächsten Tag: Warum erlaubst du dir nicht, Kunden mehr Grenzen zu setzen? Warum löst das Panik in dir aus? etc.
Wichtig: Du brauchst nicht jedes Mal einen Aha-Moment!
Manchmal führt Journaling zu klaren ‚Aha-Momenten‘ und Lösungen, wie oben im Beispiel. Aber es ist genauso wertvoll, die diffusen Gefühle und Gedanken nur rauszuschreiben, den Kopf „freizuschreiben“. Du musst nicht jedes Mal mit einer perfekten Erkenntnis rauskommen. Allein das Festhalten mit dem Stift in der Hand bringt schon Entlastung.
Warum "Journaling für Erfolg" kontraproduktiv ist
Berufliches Journaling wird leider meist von Produktivitäts-Blogs bearbeitet. Die Prompts klingen dann häufig so in der Art:
- Was hast du diese Woche erreicht?
- Welche Lessons Learned nimmst du aus dieser Woche mit?
- Was hat mich diese Woche Energie gekostet, was hat funktioniert?
- Was sollte ich nächste Woche optimieren?
- Was will ich im 1. Quartal 2026 erreichen?
Die Botschaft lautet also: Schreibe auf, was du erreicht hast, und plane strategisch deine nächsten Schritte.
Ja, das kannst du alles mit beruflichem Journaling tun. Und mit Prompts (oder Fragen) wie denen im Beispiel zu arbeiten ist gut. Aber der Ansatz greift zu kurz.
Als erfahrener Schreibcoach würde ich nie empfehlen, während des Schreibens immer mit einem Auge auf das Ergebnis zu achten: »Wie kann ich das, was ich gerade schreibe, für meine Karriere, meinen Erfolg, mein Business nutzen?«.
Warum?
- Du springst ständig zwischen Erschaffungskompetenz (schreiben) und Korrekturkompetenz (bewerten) hin und her. So wirst du beiden nicht gerecht! Außerdem würgt die Korrekturkompetenz die gerade so wichtigen Ideen aus dem Unterbewusstsein ab!
- Es ignoriert auch völlig das Schreiben als Methode, um den Kopf freizubekommen. Was ja gerade die Basis dafür ist, um auf frische Ideen für Content, Prozesse oder neue Produkte zu kommen!
- In der Schreibforschung gibt es etliche Studien dazu, welche positiven Effekte unzensiertes Schreiben (ob mit oder ohne Prompt) auf deine Psyche hat. Wie gut es tut, sich ohne ein bestimmtes Ziel auf dem Papier »auszukotzen«. Die Schreibforschung zeigt immer wieder: Den positiven Effekt auf deine Gedanken, die wachsende Klarheit, bringt der Akt des Schreibens an sich. Nicht, dass du das Geschriebene noch einmal wiederliest und ggf. Handlungsideen daraus ableitest.
- Wenn beim Journaling etwas Umsetzbares oder Ideen abfallen, ist das toll, das passiert auch häufig, aber es entsteht aus der Entspannung beim Schreiben.
»Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage.«
Kommt dir das bekannt vor?
Das nennt man auch verbal processing. Aussprechen, um Klarheit über die eigenen Gedanken und Entscheidungen zu finden.
Wenn du zu den Menschen gehörst, die beim Denken verbal processing bevorzugen, kann Journaling ideal für dich sein. Das gilt übrigens für besonders viele neurodivergente Menschen.
- Schreibe möglichst frei für eine festgesetzte Zeit und lass alles raussprudeln.
- Falls du nicht gern von Hand schreibst: Verwende eine Tastatur. Dein Notizbuch ist dann virtuell z. B. in AppleNotes, GoodNotes o. Ä.
Wie du mit beruflichem Journaling anfängst
Schreibe mit Prompt.
Such dir zum Einstieg einen Prompt aus, hier findest du meine Sammlung mit über 50 Journaling-Prompts.
Das erleichtert dir den Einstieg ins Schreiben.
Schreibe ohne Prompt.
Genau wie bei den Morgenseiten nach Julia Cameron kannst du einfach bei dir anfangen, ohne jeden Prompt: Wie geht es dir? Wie fühlst du dich? Was geht dir durch den Kopf? (Eine Erklärung zu den Morgenseiten findest du im Artikel »50 Fragen für dein berufliches Journaling« und auf der Webseite von Julia Cameron (englisch).
Schreibe ca. 15 Minuten ohne Unterbrechung.
Ein Sweet Spot fürs Journaling sind etwa 15 bis 20 Minuten. Schreib lieber 2x am Tag 15 Minuten, als 30 Minuten oder länger am Stück (siehe auch Artikel mit Tipps zu »Schreibsprints«).
Wenn du mal nicht so viel Zeit hast: Schreibe unzensiert 5 Minuten und notiere Stichpunkte darunter, was dir noch einfällt. Greife die Stichpunkte bei der nächsten Journaling-Session auf.
Bleib im Schreibfluss.
Wenn dir etwas Bemerkenswert erscheint, unterstreichst du es kurz oder machst einen Kringel darum. Dann geht es gleich weiter mit Schreiben.
So reißt du dich nicht aus dem Schreibfluss und musst später trotzdem nicht den ganzen Eintrag noch einmal durchlesen, ob ein Impuls dabei war, den du noch vertiefen möchtest.
Keine Erwartung an Ergebnisse.
Wenn du beim Schreiben in ein anderes Thema abdriftest: Kein Problem. Folge dem, was hinausmöchte. Optional: Lies dir, wenn du dich freigeschrieben hast, noch einmal den Ausgangsprompt durch: Gibt es noch etwas zu ergänzen?
Gefährliche Wahrheiten? Vielleicht nicht ins Journal.
Schreiben von Hand in eine Kladde ist ideal (mein Favorit: Hardcover mit Punktmuster). Aber in der Anfangsphase des Journaling und jedes Mal, wenn es um sensible Themen geht (z. B. dir Frust und Wut von der Seele zu schreiben), kannst du auch auf lose Seiten schreiben oder am Computer und die Blätter bzw. die Datei entsorgen. Du machst den Kopf frei durch das Schreiben – NICHT durch das Aufheben der Texte!
Wenn du regelmäßig Journalen möchtest, trag dich gern für meinen Newsletter ein und nutze für 0 Euro die 14-tägigen CoWriting Sessions für dein Journaling.
Wenn du Fragen zum Schreiben oder Texten hast, buche eine Textsprechstunde (75€) bei mir.
Regelmäßig schreiben ist wichtiger als lange Sessions
Journaling ist wie Fahrradfahren: Am Anfang fühlst du dich wackelig – du achtest noch auf Rechtschreibung und Handschrift, bremst dich selbst mit Gedanken wie »Darf ich so etwas Wütendes schreiben?«
Es dauert ein paar Tage bis 1-2 Wochen mit regelmäßigen Sessions, bis du wirklich loslässt. (Tipp: Schreib anfangs auf einen Block statt in eine teure Kladde, dann kannst du die Seiten vernichten.)
Der coole Nebeneffekt: Dieser Skill bleibt dir erhalten. Du verlernst es nicht mehr – und alle anderen Texte gehen dir danach auch leichter von der Hand.Weitere Tipps dazu, wie du flüssiger bzw. produktiver schreibst, findest du in meinen Artikeln »Produktiv schreiben« (LINK), »Schreibsprints« (LINK) und »Schreibblockaden lösen« (LINK).
Sollte ich morgens oder abends journalen?
Am besten zu einer festen Tageszeit, damit es zur Gewohnheit wird. Morgens bist du näher am Unterbewusstsein, aber wenn du ein Abendmensch bist: dann abends. Hauptsache regelmäßig.
Von Hand schreiben oder am Computer?
Von Hand schreiben ist ideal (es aktiviert andere Gehirnprozesse), aber wenn dir das schwerfällt: Tippen ist besser als gar nicht journalen. In den Fällen kann mit Fake-Handschrift auf dem iPad (z. B. in Goodnotes) auch gut funktionieren.
Wie lange sollte eine Session dauern?
Etwa 15–20 Minuten. Kürzer und du gibst deinem Unterbewusstsein nicht die Chance, zu Wort zu kommen. länger frisst zu viel Zeit. Bei viel Redebedarf: lieber mehrere kurze Sessions über den Tag verteilen.
Wie oft Journaling?
Ideal ist täglich, damit man das freie Schreiben (ohne Selbstzensur) wirklich verinnerlicht. Aber lieber alle paar Tage oder 1x in der Woche als gar nicht.
Brauche ich ein bestimmtes Notizbuch?
Nein. Aber das Papier sollte dir erlauben, flüssig zu schreiben. Das hängt auch vom Stift ab, den du verwendest.
Siehe auch nächster Tipp!
Brauche ich ein bestimmtes Notizbuch?
Nein. Lose Blätter, Schulheft oder schönes Notizbuch: alles fein. Aber das Papier sollte zu deinem Stift passen (kein Durchbluten, kein Kratzen) und die Lineatur sollte dich zum Schreiben anregen. Mein Favorit ist punktkariert (dotted) wie im Bullet Journal. Ein schöner Kompromiss aus blanko und liniert.
Notizbücher, die ich verwende
- Leuchtturm punktkariert, DIN-A5 Hardcover (teuer, nummerierte Seiten, 2 Lesezeichen, 80 g/m² Papier, Tasche für lose Notizen). Lineatur: Blanko, kariert, liniert, punktkariert
- Hieroglyphs DIN-A5 Hardcover (günstiger als Leuchtturm, nummerierte Seiten, 3 Lesezeichen, 100 g/m² Papier) Lineatur: punktkariert https://www.hieroglyphs.de/bullet-journal-kaufen.htm
- Paperblanks (bekomme ich meist geschenkt, je nach Notizbuch: 80–120 g/m² Papier, ca. 144 Seiten) Lineatur: liniert, blanko
